Soziale Angst
Schätzungsweise jede zweite Person erlebt in bestimmten sozialen Situationen Angst oder Unsicherheit oder befürchtet, sich zu blamieren...
Die "heimliche" Angst
... aber nur wenige erfüllen die Kriterien einer „Sozialen Angststörung.“ Sie zählt zu den häufigsten Angstformen und belegt nach Depressionen und Suchterkrankungen sogar Platz 3 unter allen psychischen Störungen.
Etwa jeder siebte entwickelt im Lauf seines Lebens eine soziale Angststörung. Sie tritt häufig im späten Kindes- und frühen Jugendalter erstmalig auf, zwischen dem 10. und 15. Lebensjahr. Frauen sind fast doppelt so häufig betroffen wie Männer.
Es wird heute davon ausgegangen, dass sich lediglich etwa 25 % der Betroffenen Hilfe suchen. Das liegt im Kern der Soziophobie. Schließlich gilt es aus Sicht der Betroffenen, unter allen Umständen Scham und Unsicherheit zu verbergen. Deshalb wird die soziale Angst auch als „heimliche“ Angst bezeichnet.
Wie entsteht die soziale Angst?
Zwar spielen genetische Faktoren eine Rolle, aber angstmachende Gedanken sind im Grunde genommen erlernt. Schon als Kinder übernehmen wir die Überzeugungen und die Unsicherheit von Bezugspersonen. Wichtig ist auch, wie im Elternhaus mit Gefühlen umgegangen wurde. Haben wir gelernt, sie wahrzunehmen und anzunehmen, ohne von ihnen überwältigt zu werden? Oder war es genau andersherum?
Wer soziale Angst entwickelt, hat oft Sätze und Vorbilder im Kopf, die Misstrauen, Skepsis und hohe Ansprüche vermitteln. Und wer als Kind ausgelacht, gemobbt oder ausgegrenzt wurde, spürt schnell, dass soziale Situationen gefährlich sind. Auch Vernachlässigung oder Überbehütung durch die Eltern oder traumatische Erfahrungen lassen die Angst und die Unsicherheit wachsen.
In einer digitalen Welt wirken sich die ständigen Vergleiche mit anderen spürbar aus. Hier wird sehr viel Wert auf Perfektion und Äußerlichkeiten gelegt. Das nährt Unsicherheiten und verstärkt soziale Ängste ebenfalls. Jungen Menschen fehlen zunehmend Übungsfelder für echte soziale Kontakte, so dass die Unsicherheit und die Ängste bestehen bleiben.
Die Symptome der Soziophobie
Die folgenden Symptome können, müssen aber nicht Hinweise auf eine soziale Angststörung geben:
Die Angst,
- die Aufmerksamkeit der Umwelt auf sich zu ziehen, zu erröten, zu zittern
- kein Wort herauszubringen oder „Blödsinn“ zu reden
- vor anderen zu sprechen, zu essen, zu tanzen
- vor Kritik, ausgelacht zu werden
- vor Blickkontakt, andere anzusprechen, Angst zu telefonieren
- vor Autoritätspersonen (z. B. Lehrer, Ärzte, Behörden)
- die Kontrolle zu verlieren oder verrückt zu werden.
- Körpersymptome: Schwindel, Schwitzen, Herzrasen, Übelkeit, Brustschmerzen
Erst das Ausmaß der Angst sowie das Vermeidungsverhalten und damit die selbst auferlegten Einschränkungen im Alltag lassen eine Beurteilung zu, ob es sich dabei um eine „Störung“ handelt.
Ausgeprägtes Vermeidungsverhalten
Obwohl es den Betroffenen bewusst ist, dass ihre Angst übertrieben ist, löst allein die Vorstellung an bestimmte Situationen Angstgefühle aus. Diese können sich bis hin zu Panikattacken steigern. Sehr häufig geht es dabei um Leistungs- oder Interaktionsängste. Das zentrale Kriterium für die Diagnosestellung ist in beiden Fällen die Vermeidung entsprechender Situationen.
Betroffene vermeiden angstauslösende Situationen fast vollständig und entwickeln eine Vielzahl von Vorsichtsmaßnahmen und Sicherheitsverhalten, um sich bei nicht vermeidbarem Kontakt zu schützen. Die Angst vor Ablehnung oder Blamage ist so stark, dass sie das alltägliche Leben steuert.
Es besteht eine ausgeprägte Furcht vor sozialen Situationen, in denen sie im Mittelpunkt stehen oder die Aufmerksamkeit erregen. Um dieser Angst auszuweichen, ziehen sie sich oft sehr zurück und vermeiden notwendige Aufgaben. Das schränkt ihr berufliches Leben sehr ein und verhindert, neue Erfahrungen zu machen, neue Verhaltensweisen mit sozialen Situationen auszuprobieren sowie Selbstbewusstsein aufzubauen.
Körper, Geist und Verhalten
Größtenteils laufen automatisierte Mechanismen ab, wenn es einen Angstauslöser gibt.
Diese passieren auf drei Ebenen:
1. Ebene: Der Körper reagiert, als besteht echte Gefahr. Typisch sind Herzklopfen, Schwitzen, angespannte Muskeln, eine schnelle Atmung, Übelkeit, Schwäche und ein flaues Gefühl im Magen. Das autonome Nervensystem des Körpers wird in Alarmbereitschaft versetzt.
2. Ebene: Spontan treten Sorgen bei den Gedanken an die bevorstehende Situation auf. Allein die Vorstellung, sich zu blamieren, löst intensive Angst aus. Dann tauchen Katastrophengedanken auf, was zu verzerrten Fehlinterpretationen führt, wie „ich bin meiner Angst hilflos ausgeliefert“, „ich bringe kein Wort heraus“, ich werde mich furchtbar blamieren“.
3. Ebene: Es zeigen sich Verhaltensmuster wie Flucht vor Situationen, konsequentes Meiden von Partys, Telefonaten oder Gesprächen. Andere vermeiden Blickkontakt oder ziehen sich die Mütze tief ins Gesicht. Manche greifen vorsorglich zu Alkohol oder Cannabis.
Das Selbstwertgefühl ist niedrig
In vielen Fällen erwarten Menschen mit sozialen Ängsten schon deshalb eine Ablehnung, weil sie ein niedriges Selbstwertgefühl haben. Dieses äußert sich in:
1. einer verzerrten Selbstwahrnehmung: Es wird besonders auf Aspekte geachtet, die einem selbst nicht gefallen, z. B. persönliche Schwächen oder Aussehen. Es wird also darauf konzentriert, was falsch gemacht wurde und alles Richtige ignoriert. Zudem wird angenommen, dass die anderen genauso über einen denken.
2. einer verzerrten Interpretation der Situation: Fehler werden auf eigenes Versagen zurückgeführt. Es wird die Schlussfolgerung gezogen, dass man selbst als ganze Person nichts wert ist. Die Selbstkritik überwiegt, positive Aspekte werden abgewertet.
3. überhöhte Ansprüche an das eigene Verhalten: Es wird von sich selbst erwartet, mit allen Problemen des Lebens fertig zu werden, keine Schwächen zu zeigen, niemals ängstlich zu wirken und von jedem gemocht und geschätzt zu werden. Diese Erwartungen sind unrealistisch und fördern innere Anspannung und Versagensängste.
Ein niedriges Selbstwertgefühl lässt sich verändern, indem automatisch ablaufende Gedanken in konkreten Situationen bewusst gemacht werden. Dann werden die Bewertungsmuster und Überzeugungen analysiert, die das negative Selbstwertgefühl hervorrufen. Mit gezielten Übungen werden realistischere Bewertungsstandards entwickelt und im Alltag gefestigt.
Häufige Begleiterkrankungen
Studien belegen, dass Menschen mit Soziophobie auch sehr häufig unter einer Depression und / oder Suchtmittelmissbrauch leiden. Auch kann es vorkommen, dass die depressive Störung oder der schädliche Substanzkonsum im Sinne der „Selbstbehandlung“ die Folge einer über langen Zeit nicht erkannter Angststörung sind.
Was wirklich hilft
Als wirksamste Therapieform hat sich die kognitive Verhaltenstherapie erwiesen. Ziel ist es, problematische Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen zu erkennen und aktiv zu verändern. Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Therapie ist einerseits die Mitarbeit in den Therapiesitzungen, andererseits im Lebensalltag Veränderungen auszuprobieren. Nur so lassen sich neue Erfahrungen machen.
Weitere Ansätze zielen darauf ab, die nicht primär inhaltlich korrigieren, sondern die Beziehung zum eigenen Erleben verändern. Beispielsweise werden mit der Schematherapie die verschiedenen inneren Anteile herausgearbeitet und unterschieden. Das verletzte (beschämte) Kind, das sich falsch und nicht liebenswert fühlt, ebenso wie der innere Kritiker, der die Stimme beschämender Bezugspersonen verinnerlicht hat.
Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) zielt darauf ab, belastende Gedanken und Gefühle zu verändern. Sie erkennt sie als menschliche Erfahrungen und verschiebt den Fokus: „Wofür stehst du ohne diese Gedanken?“ Das beobachtende Selbst erkennt, dass sie auftreten dürfen, müssen aber nicht das Handeln bestimmen. Bei der ACT sind vier Kernbewegungen zentral: Abstand zu Gedanken, Akzeptanz statt Kontrolle von Angst, das Beobachter-Selbst und die Wertearbeit.
Tipp: Führen Sie eine Experimente-Liste
Zeichnen Sie eine Tabelle mit 6 Spalten auf ein Blatt Papier und beschriften Sie die Spalten von links nach rechts wie folgt:
1. Spalte: Tag/Zeit
2. Spalte: Situation
3. Spalte: Vorhersage. Was genau erwarte ich, was geschehen würde? Beziffern Sie die Wahrscheinlichkeit der Überzeugung von 0-100 %
4. Spalte: Experiment. Was werde ich tun, um die Vorhersage zu prüfen? Hier kann z. B. Sicherheitsverhalten, Selbstaufmerksamkeit u. a. stehen.
5. Spalte: Ergebnis. Was geschah tatsächlich. Stimmte meine Vorhersage?
6. Spalte: Was ich daraus lerne. Hat sich die Prozentzahl der Überzeugung (Spalte 3) verändert?
Alles, was Sie notieren, kann Ihnen helfen, sich zu reflektieren und kleine Veränderungen in den Alltag zu integrieren.
Fazit
Mit therapeutischer Unterstützung können blockierende Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensmuster der sozialen Angststörung aufgedeckt und neue, hilfreiche Wege aus der Angst erlernt werden.
Gerne unterstütze ich Sie auf Ihrem Weg in die Freiheit.